Wie man einen Menschen rettet

(Allgemeine Gedankengänge, 08.Februar 2025)

Der Beruf als Pflegefachperson ist nicht immer einfach. Viele Patienten, viele Schicksale und kaum Zeit, auf jedes Einzelne einzugehen. Eine gewisse Machtlosigkeit dem Leid in den Spitälern und Pflegeheimen entsteht und es stellte sich die Frage, ob nicht mehr Wissen um die ganze Anatomie und Physiologie des menschlichen Organismus einen Mehrwert für die unterstützungsbedürftigen Menschen wäre.

Es stellt sich die Option ein, Medizin zu studieren. Schliesslich sieht man täglich in all den Soaps im Fernseher, wie die «Götter in Weiss» Menschen retten! Ein Lied ist dabei besonders präsent:

 

"Where did I go wrong? I lost a friend

Somewhere along in the bitterness

And I would have stayed up with you all night

Had I known how to save a life."

“The Fray – How to save a life”

 

Der Song wurde für die nächste Zeit zum Dauerbrenner. Während den Vorbereitungen zum Numerus Clausus und während dem Sprachaufenthalt in England lief er in der Dauerschlaufe. «I lost a friend» meinte dabei nicht eine zerflossene Freundschaft, sondern den physischen Verlust eines Menschen, ob er nun nahestehend war oder nicht. Geplant und doch nicht so vorhergesehen war dann die Predigt in einer Lagerwoche, kurz nach dem Aufenthalt in England. Welche der materiellen Schätze werden wir nach dem Tod mitnehmen können? – Eine Frage mit einer schlichten Antwort: Nichts. Und diese traf mitten ins Herz! Eine Erkenntnis, welche nicht mehr los liess. All das Wissen, Vermögen, irdische Sicherheiten, aber wofür? Lohnte es sich nicht viel mehr, die Beziehung zu Gott wieder aufleben zu lassen, sie zu pflegen und die Liebe zu erfahren, welche bis nach dem Tod bestand hat?

 

Der Weg führte nun metaphorisch an eine Kreuzung. Es zeigte sich die Option, Theologie zu studieren. Dieser wunderschöne und doch teilweise steinige Weg wiederum führt zu Situationen in alter Frische: Zurück ins Spital zum Arbeiten. Wiederum tagtäglich der Umgang mit Freud und Leid, was jeweils sehr nahe beieinander liegt. Der Moment, in dem eine gelungene Operation Hoffnung bringt, ein Angehöriger einen Unfall überlebt hat, eine Therapie heilende Wirkung gezeigt hat oder aber der Moment, in welcher eine tödliche Diagnose überbracht wird, ein Familienmitglied nicht überlebte oder schlimme körperliche Beeinträchtigungen zu erwarten sind.

Besonders berührend war die Geschichte eines jungen Mädchens, welches sich selbst verletzte. Die körperlichen Schäden zu behandeln war kein Problem, moderne Wundauflagen und die Substitution von Nährstoffen zur besseren Wundheilung sind gut erforscht – aber nicht das seelische Leiden des Mädchens, welches sie in die Situation brachte. Das Mit-Leiden der Familienangehörigen kann nur erahnt werden.

 

„Wo bin ich falsch abgebogen? Ich habe einen Freund verloren,

irgendwo in der Bitterkeit. 

Und ich wäre die ganze Nacht mit dir wach geblieben,

hätte ich gewusst, wie man ein Leben rettet.“

 

Jetzt sagen diese Worte etwas anderes. Es geht nicht um den physischen Verlust eines Menschen. Es geht vielmehr um den Moment, in dem sich ein Mensch verloren fühlt, mit seinem Schmerz und seiner Angst allein ist und droht, sich in der Dunkelheit zu verirren. Wie oft bräuchte es nur eine ausgestreckte Hand, eine durchwachte Nacht, ein Zuhören ohne Eile? Braucht es häufig nur ein Licht, um den Weg aus der Dunkelheit zu finden?

 

Ich weiss heute nicht, ob ich jemals wirklich wissen werde, wie man einen Menschen rettet. Aber ich hoffe, dass der Weg mich lehrt, mehr zu sehen als nur die körperlichen Verletzungen. Dass ich eines Tages nicht nur medizinisch helfen, sondern auch Trost und Hoffnung spenden kann.


Tamara Landolt, Theologiestudentin, Chur