Wahrer Weinstock

(Predigt im Fach Homiletik, 03.Mai 2024)

Liebe Leserinnen und Leser
Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. Bleibt in mir, und ich bleibe in euch.
Johannes 15 ist der Paradetext zum Thema «Bleiben». Dieses Wort begegnet uns in diesem Kapitel weit über zehnmal. Bleibt – und es kommt gut.
Jesus bringt uns seine Botschaft, wie wichtig das Bleiben ist näher mit dem Bild vom Weinstock. Wer kennt keine Darstellung von Erstkommunionskindern irgendwo im Kirchenraum, wo die Fotos der Kinder als imaginäre Reben an einem stilisierten Weinstock hängen? Herzig ist das und eingänglich.
Der Weinstock ist ein bekanntes Symbol für Israel (z.B. Ps 80,9ff.), und auch die Vorstellung von Gott als Winzer, der sich intensiv um seinen Weinberg Israel kümmert und auf Früchte hofft, ist ein bekanntes Bild aus dem Ersten Testament (z.B. Jes 5,1-7).
Gott ist also in diesem Bild der Winzer, der für das Wachstum und Gedeihen des Weinstocks – inklusive der Reben und Trauben – sorgt. Jesus ist der symbolische Weinstock, und er erklärt seinen Jüngerinnen und Jünger, da sie in ihrer Zugehörigkeit zu diesem Weinstock mit ihm verbunden sind; mit der eindringlichen Bitte es zu bleiben.

Denn im Text steht auch: Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
Das klingt wie eine Drohung. Ist es Ihnen vielleicht auch so ergangen beim Zuhören des Evangeliums? Was wenn ich so eine Rebe bin, die weggeworfen und verbrannt wird? Ist das so gemeint: die Guten werden belohnt und die Schlechten entsorgt? Muss ich etwas leisten? Oder anders gefragt, leiste ich genug für das Bleiben?
Mit seiner Bildsprache vom Abschneiden, Wegwerfen und Verbrennen von Reben kann der Text den Eindruck auslösen, es gehe stark um die Entfernung von nicht-fruchtbaren Zweigen, auf menschliche Ebene übertragen: ums Prüfen, Abgrenzen, Moralisieren, Richten. Doch so ist das nicht gemeint. Für das Bild vom Weinstock bietet Wissen aus der Landwirtschaft eine sachliche Grundlage für weitreichende theologische und christologische Aussagen. 
 
Es gibt wohl keine Fruchtpflanze, die stärker beschnitten werden muss als ein Weinstock, um Frucht zu bringen. Weinstöcke wuchern geradezu, und nur junge, neue Triebe bringen Trauben hervor. Ein Weinstock muss deshalb mehrmals jährlich stark beschnitten werden, um gute Früchte zu tragen. Das Wegschneiden ist also unverzichtbare Voraussetzung fürs Fruchtbringen und kein „moralisches Urteil“ über Reben, die keine Frucht tragen. 
Jesus fordert die Jüngerinnen und Jünger nicht auf, Frucht zu bringen. Es geht nicht um Leistung, etwas tun müssen, gar Pflichten zu erfüllen. Das passt nicht zum gewählten Bild: Fruchtbringen ist keine autonome Entscheidung einer Rebe. 
Früchte wachsen ohne Entscheidung und Zutun an einer jungen Rebe. Nur der Winzer hat es durch seine beschneidende Pflege in der Hand, wo und wie viele Trauben am Weinstock wachsen. Jesus fordert die Jüngerinnen und Jünger deshalb „nur“ dazu auf, am Weinstock, also in enger Verbindung mit ihm selbst, zu bleiben. Das genügt. Der Rest ist Sache des Winzers.
«Nada te turbe, nada te espante …» so beginnt ein Gebet der hl. Teresa von Ávila, zu dem es auch ein bekanntes Lied gibt. «Nichts soll uns verwirren, nichts uns erschrecken, alles geht vorbei. Gott allein bleibt derselbe. Die Geduld erreicht alles.» Das Gebet endet mit dem Satz „Sólo Dios basta“: «Gott genügt». Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Dieses Lied passt zum Evangelium, und übertragen könnte man formulieren: Am Weinstock bleiben, bei Jesus bleiben genügt. Alles andere kommt von allein. Alles andere ist Sache des Winzers: Gott. Basta!
Ein abschliessender Gedanke. Jesus spricht in diesem Bild vom Weinstock. Warum genau ein Weinstock? Das Prinzip mit dem Fruchtbingen und dem Beschneiden gilt auch für andere Pflanzen: für Rosen zum Beispiel, für Obstbäume oder eine Tomatenstaude. Warum also gerade ein Weinstock? 
Die Traube ist eine Frucht, die sowohl Nahrungsmittel als auch Genussmittel ist. Trauben bzw. Wein stehen sinnbildlich für Lebensfreude, Genuss, Leichtigkeit, Tanzen und Feiern, für ein Leben, das viel mehr ist als nur existieren, überleben, schaffen, leisten, brav sein oder Pflicht erfüllen. Freude und Genuss sind uns geschenkt und wir bringen auch Frucht, wenn wir diese Geschenke – Freude und Genuss – im Licht Jesu Christi in die Welt bringen. Unser Leben in Verbindung mit dem jesuanischen Lebensstrom hat das Potenzial von köstlichen Trauben, fruchtigen Pinot Grigio oder perligen Champagner.
Amen.

Silke Weinig, Theologiestudentin, Chur