Wer ist nun Gott?

(Dogmatik und Spiritualität, 15. März 2024)

Ein theologischer Gedanke zu Ostern.

Oft ist von Gott die Rede als eine Person, doch ist schnell auch klar, dass man nicht von Gott als Person im anthropologischen Sinne reden kann. Person bezeichnet vielmehr die Unterschiedenheit in Gott. Die Herkunft des Wortes Person ist bis heute nicht vollständig geklärt, jedoch wird vermutet, dass das Lehnwort Person aus dem Altgriechischen stammt und für das «was man sehen kann» steht. Genauer geht es um das altgriechische Wort prosopon, das für Antlitz, Gesicht oder sichtbare Gestalt des Menschen, aber auch für die Einheit des Bewusstseins, des Denkens, Wollens und Handelns steht. Im antiken Verständnis ist also auch von der Maske oder Rolle die Rede, wie etwa die Rolle eines Schauspielers, dies wiederum gleicht aber ähnlich einer Erscheinung. Wäre Gott demnach eine Erscheinung?
Personalität kann aber auch für die personalen Züge in Gott stehen, im Sinne von Freiheit und Unverfügbarkeit. Personales Sein zeichnet sich aus durch Erkenntnis (Fähigkeit, sich selbst und andere wahrzunehmen), Wille (Fähigkeit, selbst Entscheidungen zu treffen und zu Handeln und dabei die Verantwortung tragen), sowie durch Beziehungsfähigkeit (in Freiheit auf andere Menschen zuzugehen). Solche Aspekte gehen zwar mit endlichen Vorstellungen einher, doch lassen sie sich auch auf ein unendliches Wesen hin öffnen, ohne dass wir im Letzten begreifen oder verstehen können, wie sich die Aspekte auf das Unendliche hin gestalten.
 
Wendet man den Begriff der Person in Bezug auf die Unterschiedenheit in Gott an, muss dieser auch immer die Herkunftsbeziehung der trinitarischen göttlichen Wirklichkeit mitbetrachten. So unterscheidet sich der Vater vom Sohn als den nicht geschaffenen und nicht gezeugten, er wurde von niemandem gemacht. Der Sohn unterscheidet sich vom Vater, da er nicht geschaffen, nicht gemacht, sondern von ihm gezeugt ist, und der Heilige Geist unterscheidet sich durch sein Hervorgehen vom Vater und Sohn. Dies ist schon im Athanasischen Glaubensbekenntnis zu entnehmen. Wie genau ist dies aber nun zu verstehen? Gott als eine Einheit mit drei Bewusstseins? Oder doch eher drei Wesen, die aus einem Bewusstsein schöpfen?
Diese und weitere Überlegungen nützen aber nicht viel, in Anbetracht auf die Frage, wer oder was ist Gott? Und es hilft uns erst recht nicht bei der Frage, ob Gott existiert. Armin Kreiner schrieb schon in seinem Buch (Das wahre Antlitz Gottes, oder was wir meinen, wenn wir Gott sagen), «Zu wissen, dass Gott existiert, bedeutet sehr wenig, solange man nicht weiss, was Gott bedeutet.» Die Verwendung des Gottesbegriffs scheint heute weitläufig sehr beliebig.
Gerade in der Osterzeit und mit Blick auf das offene Ende des Markus Evangelium, das im frühen Christentum von den Kopisten dann ergänzt wurde, weil auch sie sich möglicherweise an diesem Ende mit den mutlosen Frauen gestört haben, zeigt sich, wie stark die Anwesenheit Gottes gerade in seiner Abwesenheit glänzt. Im Markus Evangelium lesen wir, dass die Frauen mit neuem Öl zum Grab gingen, um Jesus zu salben; da trafen sie einen jungen Mann auf der rechten Seite sitzend, in einem weissen Gewand eingehüllt. Die Frauen erschraken, er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat. Da verliessen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich. (MK 16,5-8).
Mit diesen Worten endete das ursprüngliche Markus Evangelium und die Osterbotschaft wäre somit auch im Grab versunken. Erstaunlicherweise kann man im später entstandenen Ende lesen, dass Jesus doch auf einmal Maria aus Magdala erschienen ist. Die zentrale Aussage aber des ersten Endes ist: «Er ist nicht hier»
 
 
Die Anwesenheit Gottes gerade in seiner Abwesenheit verstehen!
Passt diese Art von Gottesferne noch in das Konzept eines geistlichen Lebens? Darf der Glaube keine Zweifel beinhalten? Zweifel sind im weitesten Sinne nichts Schlechtes, so hatte doch auch Martin von Tours seine Zweifel gehabt, als er vom Teufel heimgesucht wurde, der sich als Christus ausgab. Auch wenn diese Geschichte eher etwas legendenhaftes hat, so hat Martin dem Teufel widerstanden und sich nicht verführen lassen, weil er eben Zweifel hatte. Im Bezug gerade auf diese Geschichte wird schnell mal erkannt, dass der Mensch Zweifel haben kann und darf, denn diese Art von Zweifeln fördert das Leben und die Entwicklung des Menschen. Aber besteht der Zweifel gerade in umgekehrter Form, nicht auf den Teufel bezogen, sondern im Hinblick auf unserem Glauben, so würde man heute vielleicht nicht mehr so sehr getadelt werden wie vor einiger Zeit, als man diese Erfahrung bei der Beichte darlegte. Heute sind die Menschen mit solchen Erfahrungen jedoch allein.

Oft hören wir an Sonntagen in den Gottesdiensten Predigten mit Sätzen wie «Gott ist derjenige, der dich trägt»oder «Jesus ist dein Freund, er ist dir ganz nahe». Zentrale Themen sind immer wieder Glaube, Liebe und Hoffnung. Dabei stellt sich mir oft die Frage, wie viele Menschen gerade im Gottesdienst sitzen und diese Worte nicht fühlen, weil nicht nur die Worte den Menschen fern sind, sondern auch Jesus eben nicht hier ist. Gerade jetzt, wo wir in einer Zeit leben, wo es vielen Menschen schwerfällt, an einen Gott zu glauben, geschweige denn an einen Auferstandenen Jesus Christus. Menschen, die sich lieber hinter einer Kirchensäule verstecken würden, weil sie sich nicht mehr mit den Worten des Priesters identifizieren können.

Durch das Sterben Jesus ist er denen genommen worden, die ihn wahrhaftig kannten, durch seine Auferstehung ist er nicht einfach wieder der Gegenwärtige, in seiner Auferstehung ist er entrückt, er ist nicht mehr zu fassen, nicht mehr greifbar. In seiner Kirche bleibt Jesus gegenwärtig und ist gleichzeitig doch auch abwesend. Doch wir lesen in der Heiligen Schrift, die vom irdischen Leben Jesus berichtet, von unmittelbarer Nähe in Liebe und gleichzeitig auch von Abschieden und Entziehungen. In MK 10,18 lesen wir, dass Jesus nicht gut genannt werden wollte, denn nur der eine ist gut und damit ist sein Vater gemeint. Bedeutet dies nun, dass das Adjektiv «gut» nicht auf Jesus zuschreibbar ist?
In der heiligen Schrift lesen wir über das Leben Jesus und sein Handeln; er wird immer als besonderer Mensch dargestellt, mit einer besonderen Beziehung zum Vater. Diese besondere Darstellung als Mensch, soll ihn eben auch nahe zu uns Menschen bringen. An vielen Stellen wird Jesus als jemand gegenüber anderen Menschen dargestellt; in diesem Sinne kann er eher als eine Person gegenüber vielen gedeutet werden, aber an wie vielen Stellen ist zu erkennen, dass Jesus auch in uns und wir in ihm sind. Die Schrift lehrt uns auch in der Hoffnung und die ist etwas Gegenwärtiges. Das gegenwärtige Tun auf ein noch ausstehendes Ziel hin. Und so ist es auch mit der Liebe, die Liebe ist gegenwärtig und doch wird sie sich erst noch vollenden. Den Glauben zu gewinnen und Jesus nachzufolgen hat nicht einfach mit eigener Umkehr zu tun und Sünden zu bekennen, mit anschliessender Reue. Wie es eben oft gerade vor Ostern gepredigt wird. Vielmehr geht es darum, den Willen Gottes zu erkennen, der in der Schrift unmissverständlich zu deuten ist. Zu prüfen ist, was mich dem Ziel, die Vollendung in Gott, näherbringt. Und von allem loslassen können, was mich hindert, zu diesem Ziel zu gelangen. Wir endlichen Menschen kennen nur endliche Begriffe, auch der Ausdruck «Gott» ist ein endlicher Begriff und schon daher nicht adäquat auf das höchste Wesen anwendbar. Es muss uns bewusst sein, dass wenn wir von Gott reden wollen und ihn in unser Denken mit integrieren wollen, dann müssen wir unser Denken erneuern. Das höchste Wesen übersteigt das uns bekannte Bewusstsein und vielleicht sollten wir auch hin und wieder unsere begrenzten endlichen Bilder, die wir von Gott haben, ablegen können, um in einer spirituellen Form ein neues Bild Gestalt annehmen zu lassen. Jesus ist hier, er ist mitten unter uns, wenn wir den Willen Gottes erkennen, dabei uns selbst mal vergessen und in Liebe und Freiheit auf andere Menschen zugehen.
 
Martin Brunner, Theologiestudent, Chur