Sakrament der Versöhnung, früher und heute

(Liturgiewissenschaft, 25. April 2024)

Sakrament der Versöhnung
Die Aussage, die wir unter dem Psalm 98,9 im Alten Testament finden, «Die Berge sollen jubeln vor dem Herrn, wenn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis gerecht, die Nationen so wie es recht ist», finden wir auch im neutestamentlichen Brief 1 Tim 2,4 in etwas anderer Form wieder: Gott, der «will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen».
«Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird» (Joh 3,17). Und was für mich am wichtigsten erscheint, ist die Aussage, die wir in Ez 18,23 finden. «Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen, Spruch Gottes, des Herrn, und nicht viel mehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?» Dies ist eine Aussage aus dem Alten Testament, doch wissen wir auch, dass Jesus nicht den Tod des Sünders wollte, sondern dass er lebt. Diese Aussagen haben alle etwas gemeinsam: Die Rettung und Heilung der Menschen durch Jesus, den Sohn Gottes.

Das Verständnis von Sünde
Im Laufe der Zeit hat sich das Verständnis der Sünde sehr verändert. Wenn ich von einem bewussten und freien Ausbrechen aus dem verpflichtenden Willen Gottes, das selbstherrliche Nein zum Schöpfer und seiner Weisungen rede, oder gar, von einer Tat der totalen und freien Abkehr von Gott und seiner Grundordnung schreibe, bezieht sich dieses Verständnis eher auf ein mittelalterliches Fehlverhalten und betrifft die sogenannten Todsünden wie Mord, Ehebruch und Glaubensabfall. Ist eine Sünde dann eine Sünde, wenn sie als Verrat an der Berufung zur Nachfolge Christi verstanden wird? Durch die Sünde entfernt man sich nicht nur von Gott, oder ist gar von Gott getrennt, sondern auch von der Kirche als Gemeinschaft. Denn jede schwerwiegende Sünde des einzelnen Gliedes belastet den ganzen Leib auch in ihrer Glaubwürdigkeit. Dieses Verständnis von Sünde mag wohl teilweise auch heute noch bei den Menschen zu finden sein. Das heutige Verständnis von Sünde ist allerdings mit einem einfachen Satz zu ergänzen. Die Sünde steht im Widerspruch zur Absicht Gottes, trifft es für mich genau auf den Punkt.

Feiern von Umkehr und Versöhnung, früher und heute
In der Urgemeinde kannte man schon ein Verfahren, von dem man heute sagen würde, es war ziemlich übertrieben und hart. Die Frage aber, wie man heute bei Mord, vergeben würde, ist wohl immer noch nicht ganz geklärt. Bei grobem Fehlverhalten kannte die Urgemeinde die Exkommunikation, also den Ausschluss aus der Gemeinde und auch von der Kommunion. Die Lossprechung von diesen schweren Sünden, geschah erst, wenn das Busswerk vollbracht war. Da aber in manchen Regionen dem Pönitenten lebenslange Busswerke auferlegt wurde, die ihn gesellschaftlich und wirtschaftlich oft untragbar belasteten, kam es zu weitverbreitetem Aufschub des Bussverfahrens, und zwar bis ans Sterbebett und mündete in die Krankensalbung. Das Bussverfahren konnte also mehrere Jahre dauern, und wer es vollbracht hatte, wurde am Gründonnerstag unter Handauflegung und Gebet des Bischofs wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Dass man die Lossprechung der Sünden nun direkt nach der Beichte empfängt, ist nun mehr den Wandermönchen, die fast alle Priester waren, zu verdanken. Bei ihnen beichtete man ab dem 6. Jahrhundert die Sünden.
Im 9. Jahrhundert wurde die Forderung aufgestellt, einmal oder auch dreimal im Jahr zu beichten. Das vierte Laterankonzil beschloss im Jahr 1215, dass jeder Sünder, also alle Gläubigen, mindestens einmal im Jahr zu beichten hat. Bevorzugt wurde dies in der Zeit der Quadragesima (40 Tage Fastenzeit vor Ostern).

Die Neuzeit
Die sogenannten lässlichen Sünden fanden Einzug in die Andachtsbeichten. Eine lässliche Sünde führt im Gegensatz zu einer Todsünde, nicht zum völligen Verlust der heiligmachenden Gnade des Getauften. Wir unterscheiden:

Paenitentia prima, die Taufe ist also das grundlegende Sakrament der Vergebung. So lange aber der Christ auf Erden lebt, muss sein Leben von Umkehr und Busse geprägt sein, damit es auf Christus und das Evangelium als Lebensführung, ausgerichtet bleibt.

Paenitentia quotidiana, also die tägliche Busse. Für die Vergebung der alltäglichen Sünden hielt man Gebete, Fasten oder gute Werke wie Almosen geben für ein geeignetes auferlegtes Busswerk. Die auferlegten Busswerke wurden mit der Zeit immer stärker reduziert. Die tägliche Busse wird heute aber auch mehr im Sinn von, seine eigene Orientierung zu Gott halten, den Weisungen folgen und sein Leben bewusster zu Gott hinzugestalten, verstanden.
Das Bussverfahren verlor mit der Zeit seinen öffentlichen und sozialen Bezug und Charakter. Der im 16. Jahrhundert eingeführte Beichtstuhl, der die Beichte vom Altarraum entfernte, unterstützte diesen Prozess noch mehr. Auf diese Weise musste das ursprüngliche Zeichen der Handauflegung reduziert werden und das Hochhalten der Hand in Richtung des Pönitenten ersetzte die Lossprechung der Sünden. Heute ist es sogar so, dass die Sünden in einem Sprechzimmer oder gar Büro des Priesters vergeben werden können. Das Sprechzimmer als Beichtort ist auch mir selbst bekannt.

 Die heutige Ordnung der Feier der Busse
Wir kennen heute mehrere Formen der Versöhnung, von denen ich aber in gemeinschaftlicher Weise keine so erlebt habe, wie ich sie in den Büchern lese.
1. Feier der Versöhnung für Einzelne
2. Gemeinschaftliche Feier der Versöhnung mit Bekenntnis und Lossprechung der Einzelnen.
3. Gemeinschaftliche Feier der Versöhnung mit allgemeinem Bekenntnis und Generalabsolution.
4. Bussgottesdienst ohne sakramentale Lossprechung.
Grundlegend sollte bei allen Formen der Feier eine Schriftlesung, die nach der Begrüssung folgt, den Pönitenten nicht vorenthalten werden. Diese fehlt jedoch oft bei der Feier der Versöhnung von Einzelnen. Die Schrift bietet genug Texte, die von der Barmherzigkeit Gottes handeln und vorgelesen werden könnten. Bei den Gemeinschaftsfeier findet eine Wortgottesfeier statt und im Anschluss eine Gewissensforschung mit Bekenntnis, Lossprechung und die Auferlegung eines Busswerkes. Bei der Einzelbeichte kann noch ein wegweisendes Gespräch nach dem Bekenntnis folgen. Das auferlegte Busswerk, das oft aus Gebeten oder Werke der Barmherzigkeit besteht, darf nicht als Wiedergutmachung des angerichteten Schadens, der durch die Sünde entstand, verstanden werden.
Die Feier der Versöhnung mit allgemeinem Bekenntnis und Generalabsolution ist, oder wäre, nur gestattet in Todesgefahr oder bei einer absoluten Notlage und unter Berücksichtigung der Zahl der Pönitenten, wenn nicht genug Beichtväter vorhanden sind. Sind also genug Beichtväter vorhanden, wäre die gemeinschaftliche Feier mit Einzelbekenntnis und Einzellossprechung vorzuziehen. Im Grunde führt dies dazu, dass keiner der beiden gemeinschaftlichen Feiern heute möglich ist und durchgeführt werden kann, da im Grunde zu wenig Beichtväter anwesend sind.
Der Bussgottesdienst ohne sakramentale Lossprechung darf nicht mit der Feier des Busssakramentes verwechselt werden. In diesem Gottesdienst geht es lediglich darum die Gläubigen auf die Feier der Versöhnung vorzubereiten und ihnen Mut zu machen, so dass sie ihre Sünden zu einem späteren Zeitpunkt vor einem Priester ablegen können. Manche Theologen sprachen diesem Gottesdienst jedoch sakramentale Wirkung zu, was nicht richtig ist.
Die persönliche Voraussetzung ist aber bei allen Formen dieselbe, die persönliche Reue und die Bereitschaft zur Wiedergutmachung des angerichteten Schadens. Als Ablass, den wir heute kaum mehr kennen, verstand man früher nicht als Ersatz des Busssakraments. Mit dem Ablass wurden nicht die Sünden vergeben, sondern bezieht sich mehr auf die objektiven Folgen der Sünden, also auf die Wiedergutmachung des Schadens, der aus den Sünden hervorging.
 
Zum Schluss ist zu sagen und darf auch nie vergessen werden, dass die Feier der Versöhnung immer auch eine Erneuerung unserer Taufgnade ist und wir von Gott gewollt und angenommen sind, so wie wir sind. Er empfängt uns mit offenen Armen, wie auch aus dem Psalm 51,19 zu lesen ist: «Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen».

Martin Brunner, Theologiestudent, Chur