Kirchliche Sexuallehre im Ausgang der Antike bis hin zur Gegenwart

(Theologische Ethik, 11.November 2024)

Ein Blick in die Antike und die soziale Stellung von Mann und Frau zur damaligen Zeit.

Die römische Gesellschaft war durchwegs patriarchal strukturiert. Ein öffentliches Amt durften nur Männer ausführen. Es gibt Ausnahmen und Beispiele, dass auch Frauen es zu einem öffentlichen Amt geschafft haben, oder aber an dem öffentlichen Amt des Mannes teilhaben und Unterstützung boten. Dies führte dazu, dass man die Frauen besonders männlich angesehen hatte oder sie als schamlose, rebellische Person definierte. 

Aber auch der familiäre Bereich war patriarchal strukturiert, dem pater familias kam die Rechtsvollmacht über die Mitglieder und Güter der Familie zu. Der Frau kam die Aufgabe der Führung des Haushaltes sowie die Erziehung der Kinder zu. In der römischen Gesellschaft hatten die Frauen eine bessere soziale Stellung als in der griechischen Gesellschaft. Sie konnten immerhin freiwillig eine Ehe eingehen, ohne zu dieser genötigt zu werden. Dies war in der griechischen Gesellschaft doch etwas anders. Und in der gehobenen Gesellschaft stand auch der Weg zur Bildung relativ offen. Aber die Frauen waren Zeit ihres Lebens der rechtlichen Vollmacht des pater familias unterstellt. Ist der Gatte aber gestorben, oder sind diese geschieden, so untersteht die Frau der rechtlichen Vormundschaft eines anderen männlichen Familienmitglieds oder Verwandten.


Disziplinäre Aspekte

Bezüglich der Ehegebote und Hindernisse befolgte die Kirche in den ersten Jahrhunderten im Wesentlichen die kaiserliche bzw. bürgerlichen Gesetze, ausgenommen das Scheidungsrecht. Auf spezielle Fragen wie die Mischehe, oder den Umgang mit Ehebruch, oder die Möglichkeit der Heirat nach dem Tod des Partners gab es unterschiedliche Meinungen und Aussagen die deutlich machen, dass es noch keine einheitliche kirchliche Disziplin gab.


Die Ehelehre bei Augustinus von Hippo (13. Nov. 354 – 28. Aug. 430)

Der Kerngedanke seiner Ehelehre lautet: «Die Ehe hat an sich, bei allen Völkern den gleichen Grund der Kinderzeugung». Unabhängig von ihrer späteren Beschaffenheit wurde die Ehe zum Zweck einer geordneten und ehrenhaften Geburt eingesetzt. Und wichtig: «Der zur Fortpflanzung notwendige Geschlechtsverkehr ist ohne Schuld und wird als solcher allein in der Ehe vollzogen. Jener über die Notwendigkeit hinausgehende Akt gehorcht nicht mehr der Vernunft, sondern gibt der Leidenschaft nach». Es kling überraschend, wenn man dies von Augustinus hört, da er selbst Vater eines Sohnes war, der nicht aus einer Ehe stammt. Damit hatte Augustinus selbst Sexualität gelebt, als ein unverheirateter Mann. Diese Aussagen sind wohl auch erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden, als er in Mailand bereits getauft wurde. Aber er selbst hatte auch in späteren Zeiten Mühe enthaltsam zu Leben und kämpfte immer mit Anfechtungen.

 

Anhand von drei Ehegütern entfaltet er die Lehre von der Gutheit der Ehe. Dabei ist die Ehe nicht um ihrer selbst willen gut, sondern dank der drei Güter Kinder (proles), Treue (fides), und Sakrament (sacramentum).

 

1.    Augustinus folgte der Annahme seiner Zeit, dass der Zweck der Ehe in der Zeugung und Erziehung von Kindern liegt, dies findet man eben schon auch bei Thomas. Allerdings sieht er im Mitwirken an der Zeugung die gottgewollte Hilfe, die die Frau für den Mann darstellt, er beruft sich hier auf Gen 2,18. «Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht». Und die Kinder bezeichnet er als die einzige Ehrbare Frucht der Ehe. Wer also Kinder zur Welt bringt und ein besonnenes, gottesfürchtiges Leben führt gelangt zum Heil. Heute würde man sich schnell die Frage stelle, wie es dann mit allen anderen Menschen aussieht, die eben keine Kinder gezeugt haben, oder es auch nicht können, erfahren diese Menschen kein Heil? Aber Formen von Geschlechtsverkehr, bei denen eine Zeugung nicht möglich ist, lehnt er ab, ein derartiger Verkehr würde nicht der Ordnung der Natur entsprechen.

 

2.    Als zweites die Eheliche Treue. Hier bezieht er sich auf Gen 2,24 «Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch». Die Treue beinhaltet laut Augustinus die Pflicht zur Monogamie und verbietet rigoros jegliche Form nicht- oder ausserehelichen sexueller Beziehungen, dies gilt ausdrücklich für den Mann wie für die Frau gleichermassen. Sowie aber auch die Pflicht zur Keuschheit, hier meint er das der Ehegatten oder Ehegattin nicht zu begehren sei, sondern mit ihm /ihr nur zu verkehren mit der Absicht der Zeugung. Aber dennoch soll aus Nachsicht gegenüber der menschlichen Schwäche der Beischlaf auch dann gewährt werden, wenn er nicht um der Zeugung willen geschieht, um dem schlimmeren Übel der Unzucht oder der Ehelichen Untreue vorzubeugen. Die Treue wiegt also nach Augustinus mehr als die Zeugung.

 

3.    Der Sakramentale Charakter kommt bei Augustinus als dritter Punkt hinzu. Der auf die Unauflöslichkeit der Ehe hinweist. Das Eheband wird nur durch den Tod eines Partners gelöst. Er vergleicht den Charakter des Ehesakraments mit jenem der Priesterweihe, die eben selbst dann gültig bleibt und fortbesteht, wenn ein geweihter seine Priesterlichen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen kann oder darf. Auf die Ehe bezogen bedeutet dies, dass das Eheband auch dann bestehen bleibt, wenn die Partner die ehelichen Pflichten und Aufgaben nicht mehr wahrnehmen kann.

 

Eine sehr ähnliche Lehre der Ehe finden wir auch in der Zeit der Scholastik bei Thomas von Aquin († 07.März 1274).

 

Aber was sind die Unterschiedlichen Formen der Liebe und das Besondere der Partnerschaftlichen Liebe

Liebe findet auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Formen Ausdruck wie in der partnerschaftlichen Liebe und in der Eltern Kind Liebe, aber auch in der Selbstliebe, in der Freundesliebe, in der Agape als der christlichen Nächstenliebe, aber auch in der Feindesliebe. In je unterschiedlicher Form spielen die je verschiedene Dimensionen des Liebesstrebens eine Rolle: das triebhaft sinnliche Begehren, das auf den anderen als Repräsentanten des begehrten Geschlechts und auf die Befriedigung des eigenen Begehrens zielt; das seelische Gefühlsmässige erotische Begehren, das nach dem anderen strebt, um durch ihn Ergänzung und Beglückung angesichts der eigenen Bedürftigkeit und Begrenzungen zu erleben; die Freundschaft, die auf wechselseitige Sympathie gründet und dazu drängt, dem anderen wohlzutun; und auch noch die Agape, deren Charakteristikum es ist, den anderen um seiner selbst willen zu bejahen, selbst dann wenn keine Sympathie für ihn empfunden wird.

Aber die Partnerschaftliche Liebe ist eben eine besondere, weil sie mehr als die anderen eine ganzheitliche ist und die eben genannten Dimensionen und Formen integriert. Sie umfasst Sexualität, Leib und Seele. Also die ganze Person des anderen, sie nimmt Fühlen, Wollen und Denken, also auch die ganze eigene Person in Anspruch und strebt nach Zeitlicher Dauer. Die Liebe zwischen Mann und Frau, in der Leib und Seele untrennbar zusammenspielen, kommen so in der Ehe zum Ausdruck.


Und heute?

Es scheint so, dass die Frage: Ob zur Nachfolge Christi auch die sexuelle Abstinenz gehört, die Menschen heute noch beschäftigt. Somit auch verknüpft sich die Frage nach Sexualität ausserhalb der Ehe oder nicht? Augustinus sowie auch Ignatius von Loyola pflegten in jungen Jahren sexuelle Beziehungen. Jesus selbst, der zwar ehelos lebte, hat den Zugang zu Gottes neuer Wirklichkeit nicht mit sexueller Enthaltsamkeit verbunden, dies zeigt sich auch an seiner Haltung. Er hat sich entschieden Petrus, also ein Verheirateter mit der Leitung des Jüngerkreises zu betrauen. Die offene Einstellung Jesu und die im Alten Testament grundgelegte positive Bewertung von Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit von Ehe und Sexualität ermöglichen es gelebte Sexualität und geisterfülltes Leben heute nicht mehr als einen Gegensatz zu empfinden.

Martin Brunner, Theologiestudent, Chur

 

Literatur:

Martin M. Lintner: Christliche Beziehungsethik, historische Entwicklungen, biblische Grundlagen, gegenwärtige Perspektiven, Herder, Freiburg i. Br. 2023.