"L`Abbe Pierre - une vie de combats" Gedanken zum Film

(Allgemeine Gedankengänge, 28.Mai 2024)

Dieser Artikel zum Film erschien vor den Missbrauchsvorwürfe um Abbe Pierre, die an die Öffentlichkeit gelangt sind.


Eine rund zweistündige Hommage in bewegten Bildern an Abbé Pierre (Henri Antoine Grouès, *5. August 1912, +22. Januar 2007), dem Begründer der Emmaüsbewegung, welche in Frankreich im Jahre 1949 gegründet wurde und unterdessen in 40 Ländern weltweit die Stimme der Hungernden, Mittel- und Obdachlosen ist. Die realitätsnahen und gut gefilmten Szenen von Regisseur Frédéric Tellier und die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellenden unterstreicht die prägnante Botschaft aus dem Film und somit dem Leben des Abbé Pierre: Gelebte Menschenliebe! 

 

Der Film zeigt Szenen, die berühren, aufwühlen und nachdenklich machen. Ein Baby, welches im Winter 1954 aufgrund der unglaublichen Kälte und mangelnder Möglichkeit, sich zu wärmen, in den Armen der Eltern verfror! Im selben Jahr: Eine Frau, welche mit dem Räumungsbescheid in der Hand mitten in der Stadt Paris den Kältetod findet, bevor ihr geholfen werden kann! Es hätte nicht viel gebraucht, um beide Leben zu retten! Einige Decken, ein wärmendes Feuer, ein Obdach und eine nährende Suppe. Die Hoffnung an das Gute im Menschen bleibt aber nach dem Spendenaufruf des Priesters: Unmengen an Hilfsmitteln werden gespendet – der Wille zu helfen ist vorhanden!  

 

Abbé Pierre zweifelt bis zu seinem Tod im Jahr 2007 an der Wirksamkeit seiner Handlungen und der Emmaüsbewegung. Es ist durch die Brille seines Lebens mit Sicherheit auch schwierig: all die Bilder aus dem Krieg mit den unsagbaren Foltermethoden, unmenschlichen Anwendungen von Tötungswaffen wie Flammenwerfern und der auf den Krieg folgenden Armut! Dabei scheint Geld für Krieg immer vorhanden zu sein – nur mit den Ärmsten im eigenen Land will sich niemand solidarisieren. Und hier zeigt sich einmal mehr: Unsere Welt braucht mutige Menschen wie Abbé Pierre, die sich selbst in den Hintergrund stellen und mit allem menschenmöglichen Gottvertrauen eine unbedingte Menschenliebe walten lassen! Nicht alle Menschen sind Leader– aber Menschen brauchen Vorbilder, an welchen sie sich orientieren können und welche Hoffnung vermitteln. 

 

Die Helferin von Abbé Pierre und Mitbegründerin der Emmaüsbewegung ist Lucie Coutaz. Sie spricht Missstände und Fehler des Priesters an. Sie unterstützt, sie zweifelt, sie hat Angst – aber sie hofft auch. Coutaz geniesst das vollumfängliche Vertrauen und verwaltet daher die Finanzen der Bewegung.  Es ist eine weitere Emotion im Spiel: Liebe! Abbé Pierre und Lucie Coutaz scheinen gegen Ende des Filmes wie ein altes Ehepaar, welches nach einem gemeinsamen (platonischen Liebes-)Leben den Frieden mit sich gefunden hat. Welch unfassbarer Schmerz für den Priester, als seine Lebensgefährtin verstirbt. Und trotzdem wieder die Hoffnung, dass uns Menschen zur Seite gesandt werden, die uns lieben und in unserem Leben unterstützen. 

 

Der Film lässt mich nicht sofort einschlafen. Es drehen sich die Gedanken: Hinterliess Abbé Pierre eine bessere Welt? Werde ich eine bessere Welt hinterlassen? 

Sogar im Film fällt die Aussage: 

«Du bist gescheitert, Henri. Du hast den Menschen nicht geändert, du hast ihn nicht glücklicher gemacht.»

 

 Aber kann ein einzelner Mensch die Welt zum Guten ändern? Alles Böse verdrängen und den Menschen im Grundsatz verbessern? Müssen wir so gross denken oder wäre nicht schon viel erreicht, wenn wir unsere eigene Welt und die Welt unseres Umfeldes verbessern? Und sei es vielleicht nur mit einem Lächeln am Morgen? Einer kleinen Aufmerksamkeit? Wenn wir uns darin üben, unsere Mitmenschen bedingungslos zu lieben? Und vielleicht schaffen wir es, unser Umfeld mit der Begeisterung der Nächstenliebe anzustecken und so mit einem Schneeballsystem die Welt im Kleinen zu verbessern – ein hoffnungsvoller und lohnender Gedanke, welchen es weiter zu verfolgen gilt und nie abgeschlossen sein wird. Trotzdem kann ich nun dankbar für den Wohlstand den ich habe, einschlafen. Denn das an Abbé Pierre gerichtete Zitat geht weiter:

 

«Doch du hast viel mehr getan. Du hast den Menschen geliebt, so wie er ist, mit seinen Schwächen und Qualen, seiner Zerbrechlichkeit und Unvollkommenheit.»


Tamara Landolt, Theologiestudentin, Chur