"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit"
Adventlicher Impuls über die Offenheit einer sich bewegenden Kirche
(Spiritualität, 14. November 2025)
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ - eines der wohl bekanntesten Adventslieder, angelehnt an Psalm 24. Und wer es singt oder hört, denkt vermutlich oft an das Tor einer grossen Kirche, das weite Portal einer Kathedrale, die schwere Tür eines Kirchengebäudes, durch welches Jesus eintreten möge.
Doch viele dieser Türen bleiben heute geschlossen. Nicht aus Trotz, sondern weil die Menschen ihren Glauben längst auch an anderen Orten leben. Vielleicht geht es im Advent gar nicht darum, die Kirchentore, sondern die Türen von uns, dem Gottesvolk selbst, zu öffnen und weit zu machen für Bewegung, Begegnung und Veränderung.
Eine mögliche Übersetzung des Johannesevangeliums lautet: «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen» (Joh 1,14). Jesus benötigte keinen statischen Palast, keinen Tempel, keinen festen Ort, sondern wählte das Provisorium. Ein Zelt, welches sich schnell auf- und abbauen lässt, bereit zum Aufbruch. So, wie es die Kirche immer wieder tat und tun musste.
Dieses Bild spricht in unsere Zeit hinein: Wir sind eine Kirche, die pilgernd unterwegs ist. Manchmal tastend, manchmal suchend, aber hoffnungsvoll. Der Ort, an dem Gott unter uns wohnt, ist dort, wo wir einander begegnen, wir füreinander da sind, wo wir unsere Zelte aufschlagen: im Sportverein, im Grossraumbüro, am Bahnhof, in digitalen Räumen, in der Mitte unseres Alltags.
Darum braucht Kirche heute Offenheit und Bewegung. Dabei wird sie entdecken, dass eine andere Bewegung schon voraus ging und sie durch das Entgegenkommen Gottes getragen wird - der Bewegung, welche den Advent bestimmt: Gott, welcher sich uns immer annähert und immer wieder anklopft. Seine Gegenwart ist dynamisch und lebendig.
Lassen wir uns auf Gottes Annäherung ein, lassen wir uns durch diese Begegnung bewegen, verändern und erneuern. Und das Lied «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit» darf als eigentliche Einladung gehört werden, nicht die Türen eines Gebäudes weit zu machen, sondern die eigenen Türen und die Türen der Kirche, welche sich aufmacht. Einer Kirche, die nicht ausschliesslich Besitz verwaltet, sondern solidarische Weggemeinschaft ist. Einer Kirche, die wie Gott selbst bereit ist, aufzubrechen, unterwegs zu sein, immer wieder weiterzuziehen - immer dorthin, wo Menschen leben, hoffen und leiden. Und es kann für uns alle in dieser Adventszeit heissen: Mach dich auf und lass dich von Gott bewegen.
Tamara Landolt, Theologiestudentin Chur