Spätantike Tradition und Moderne Kunst – Zwei Welten in der römisch-katholischen Kirche Oberwil

(Kirchengeschichte, 15. März 2024)

Beim Betreten der römisch-katholischen Kirche St. Peter und Paul in Oberwil erschliesst sich ein in verschiedener Hinsicht aussergewöhnlicher Kirchenraum. Ausgestaltet wurde die Kirche von einem weltweit bekannten Künstler mit schillerndem Namen. Seine Werke sind in den wichtigsten Kunstmuseen rund um den Globus vom Centre Pompidou in Paris bis zum MoMa in New York vertreten. Auch im Kunstmuseum Basel sind seine Werke ausgestellt. Es handelt sich um Jean/Hans Arp (1886–1966). Es ist wenig bekannt, dass sich eine ganze Reihe seiner Werke in dieser ansonsten ziemlich unscheinbaren Kirche in der ländlichen Umgebung an der Grenze zum Elsass befindet. Wie kommt ein so bedeutsamer Künstler zu diesem Engagement?
 
Symbiose zwischen Form und Geist
Dadaismus sei «gegen die Mechanisierung der Erde», sagte Hans Arp vor langer Zeit, «ein Protest gegen die Rationalisierung des Menschen.» Arp gilt als einer der Wegbereiter der Moderne und Begründer dieser sich gegen dieselbe moderne Welt stellenden Kunstform Dada. Dada wurde 1916 als künstlerische und literarische Bewegung in Zürich gegründet. Kein Wunder also, dass Arp seine Kunst auch dem Überrationalen unterordnete und Werke für Kirchen schuf. Doch der Künstler, der sich in den 1940er Jahren dem römisch-katholischen Glauben zuwandte, stiess mit seinem vielfältigen Kunstschaffen in seiner Zeit nur bei wenigen Kirchenoberen auf Verständnis. In Oberwil verhielt sich dies anders, was auch mit seiner Bekanntschaft zum Architekten Hans Peter Baur (1922—2017) zusammenhängen mag, der mit der Renovation der Kirche in Oberwil beauftragt wurde. Durch die Umgestaltung des Kirchenraumes im Rahmen der Renovation in den 1960er Jahren entstand eine Symbiose zwischen der arpschen Formensprache und einem im romanischen Geist gestalteten Kirchenraum.
Drei arpsche Bodenrosetten befinden sich gleich nach dem Eingang auf dem dunklen Boden der Kirche. Diese geleiten zu den beiden Seitengängen, vor deren ersten Säulen jeweils die von Arp gestalteten Weihwasserbecken ihren Platz einnehmen. Es sind ovale Becken, die aus Solothurner Kalkstein gehauen wurden. Darin ist jeweils ein Abtropfeinsatz zu sehen, der sich in seiner scharfkantigen Form deutlich von den gerundeten Formen der Becken abhebt, welche wiederum von kantigen Holzsockeln gehalten werden. Zur Rechten befindet sich der Beichtstuhl mit den beiden ‹arpschen Augen›, zwei sich in die künstlerische Ausstattung einfügende Fensterelemente. Dem Seitenschiff entlang gehend erreicht man bei den Stufen zum Chorraum hin den einzigartigen Taufbrunnen. Dieser ist wiederum aus Solothurner Kalkstein gefertigt und überzeugt durch eine gerundete Formensprache. Aus einem kleinen kantigen Felsbrocken entspringt fliessendes Wasser. Links davon steht auf einer Erhebung der massiv gebaute Ambo. Dieser formt sich aus einem markanten Stück Eichenholz und zwei jeweils der Buchform angepassten Kalksteinquadern. Vor dem Ambo ist eine Intarsie mit einer den heiligen Geist symbolisierenden Taube eingelassen. Hinter dem von zwei Kalksteinwänden getragenen Altar, in dessen Mitte sich einen von Arp gestalteten und in massivem Eichenholz gefertigten Reliquienbehälter befindet, verbergen sich die beiden Gabentische. Links neben dem Altar befindet sich auf einem Sockel der Tabernakel. Dieser wird auf seiner Vorderseite von weiteren Stein-Intarsien gerahmt. Der von Arp konzipierte künstlerische Kreis schliesst sich hier. Die Kunstwerke sind allesamt noch original erhalten und zeichnen sich in ihrer liturgischen Funktion und die Kirche als liturgischen Raum besonders aus. Sie heben ihn aber auch entscheidend von anderen Kirchenräumen aus jener Zeit in der Schweiz ab und lassen ihn zeitlos erscheinen.
Die Poesie und Spiritualität von Hans Arp sind nicht nur in der Ausgestaltung der Kirche Oberwil zu finden, sondern auch in einem seiner zahlreichen poetischen Gebete, das in Anlehnung an dessen Inspiration für den Kirchenraum gelesen werden kann:

«Reines Licht
erlöse uns von der Sinnlosigkeit.
Erlöse uns von dem sinnlosen Leiden
Der Sinnlosigkeit.
Es genügt nicht
dass ab und zu
ein Tropfen auf den heissen Stein
der Erde fällt.»

Die wechselvolle Geschichte des Oberwiler Kirchenhügels
Man kann nach Oberwil kommen, woher man will, immer steht hoch aufragend, majestätisch und das Dorfbild beherrschend die römisch-katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul auf dem topografisch vorspringenden Sporn des Vorderbergs. Vom Turm herab geniesst man einen weiten Blick ins Leimental und auf die nahen Juraberge. Schon die frühesten Bewohner:innen des Dorfes haben die ausgezeichnete, über das Tal erhobene Lage und die sich sanft nach Südosten senkende Fläche für die Besiedelung und für den Bau eines Gotteshauses genutzt.
Der Kirchenhügel von Oberwil ist seit der Römerzeit besiedelt, was zahlreiche römische Fundstücke aus dem 1. Jahrhundert belegen. In unmittelbarer Nähe der Kirche zeigen sich Spuren eines römischen Gebäudes. Eine Menge von Fundstücken unter der Kirche weist darauf hin. Diese Funde deuten auf eine kontinuierliche Besiedelung während des gesamten spätrömischen Reiches, die über die Zeit der ersten Alemanneneinfälle um 490 n. Chr. hinausgingen. Ob die Bewohner:innen dieser frühen Zeit schon Christ:innen waren, ist ungewiss. Die frühesten christlichen Zeugnisse im nahe gelegenen Augusta Raurica gehen ins 4. Jahrhundert zurück. Wegen der Wirren der sogenannten Völkerwanderung im 5. Jahrhundert war die Region Oberwil bei Basel weitum verlassen. In der folgenden Zeit aber tauchten wieder Spuren von Ansiedler:innen auf, deren Nachkommen wohl im ersten Kirchlein begraben worden waren.
Das 7. Jahrhundert ist reich an archäologischen Zeugnissen. Es war ein Glücksfall, dass anlässlich der Innenrenovation der Kirche von 1964/65 eine wissenschaftliche Grabung durchgeführt werden konnte, die für die Dorf- und Landesgeschichte von grosser Bedeutung wurde. Die ältesten Anlagen unter dem Kirchenschiff und dem Chor sind zugänglich und unter Denkmalschutz gestellt.

Kirche – Ort des liturgischen Feierns
Das Kirchengebäude steht in langewährender Tradition von Räumen, in welchen sich Christ:innen versammelt haben, um gemäss ihrem Glauben Brot und Wein als Erinnerung an Jesu Leben, Sterben und Auferstehen zu feiern. Auch Oberwil reiht sich ein in diese Tradition. Die Menschen in Oberwil haben hier schon gegen Anfang des 7. Jahrhunderts das erste Gotteshaus errichtet. Eine kleine Kapelle war es damals nur. Später wuchsen die Gotteshäuser entsprechend der Bedürfnisse einer Gemeinde, die auch ihr kulturelles Zentrum in den Bauten erkennt. Dabei haben die Gläubigen keine Mühen und Kosten gescheut, um ihren liturgischen Feiern und Festen einen ihnen würdigen Rahmen zu verleihen. Mag sich auch der äussere Rahmen gewandelt haben, der Kern der Feier ist der gleiche geblieben. Hier haben die Menschen Kraft geschöpft für ihren nicht immer leichten Alltag, der geprägt war von menschlichem Leid und Verlust. Dabei konnten sie sich als Gemeinschaft verstehen, die ihre Sinnes- und Glaubensquellen aus der Kirche schöpften. Als Ausdruck des Gedenkens an unsere Vorfahren im Glauben können die monatlich abgehaltenen Gottesdienste in der öffentlich zugänglichen Ausgrabungsstätte gedeutet werden, die in die Tradition dieses besonderen Ortes eintauchen. Die zeitlose Kontinuität kommt durch die eingangs erwähnte Ausgestaltung des Kirchenraumes von Hans Arp zum Ausdruck, der sich in ihrer schlichten Formensprache auf die wesentlichen und die liturgischen Traditionen tragende Zeichensprache bezieht.

Jonas Engeler, Theologiestudent, Chur